Kurzgeschichte
Der erste Abend mit Luci
Luci ist meine Nichte. Als sie anderthalb Jahre alt war, wollten mein Bruder und seine Frau mal abends weg. Sie fragten mich, ob ich Babysitter spielen kann. Klar, kein Problem. Ich hatte zwar noch nie allein im erwachsenen Alter Kontakt zu Kindern, aber jetzt, mit 26 wird es ja auch mal Zeit, oder?
Trennungsschmerz kennt Luci nicht, wenn ich dabei bin. Das liegt daran, dass ich für die wenigen Stunden, die ich Dienst habe, die bestmögliche Rundum-Bespaßung biete. Da wird auf dem Keyboard gespielt, mit den Plüschtieren gekuschelt, zu Musik an den Händen haltend getanzt.
Immer wieder überkommt mich ein Panikartiges Gefühl. Was mache ich wenn die Windel voll ist? Wie teste ich das? Muss ich da wirklich dran riechen? Sag mal, hab ich nichts Besseres zu tun? Egal, Familie ist Familie und hier riecht gar nichts.
Gegen 21 Uhr sage ich, dass es Zeit fürs Bett wird. Die Kleine willigt ein. Sie legt sich hin, ich erzähle ihr eine Geschichte und sie macht die Augen zu.
Alles ist schön.
Eine halbe Stunde später kommen die Eltern wieder heim, die Übergabe läuft reibungslos und ich kann zufrieden nach Hause fahren.
Mein Bruder schaut nach seinem Kind, die aber gar nicht schlief sondern immer irgendwas vor sich hin brabbelte. Voller Verzweiflung fragt er nach einer Viertelstunde, ob sie Hunger hätte. Stumm nickt sie energisch mit dem Kopf.
Ich habe tatsächlich vergessen, dem Kind etwas zu essen zu geben. Als Erwachsener sagt man, wenn man etwas essen will. Ein Kleinkind lässt sich durch die oben genannte Bespaßung leicht davon ablenken.
Das Kind ist NICHT verhungert und sie hat auch nie davon gesprochen. Es war also nicht so schlimm, mal eine Stunde später zu essen. Mir aber war es eine Lehre und zeigt mir auf diesmal andere Art und Weise, dass das Leben nicht nur aus Spaß besteht und man das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren darf.
2004
