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Kurzgeschichte

Mein erstes Blind Date


Im Zuge einer steigenden, zumindest gefühlten, Einsamkeit beschloss ich im April 2005, ich müsste mal die Erfahrung eines Blind Dates machen. Zu dieser Zeit war es noch einfach, über kostenlose Kontaktanzeigen Frauen kennen zu lernen.

So lernte ich die 21-jährige Sabine kennen. Es war um meinen 27. Geburtstag, so dass ich pünktlich zum Selbigen eine Schnuffelbär-Grußkarte bekam. Von Sabine. Sie wünschte mir alles Gute und fragte, ob ich überrascht sei, diese Nachricht zum Geburtstag von ihr zu bekommen.
Ich bin zwar des Knigges nicht mächtig, aber trotzdem hinterher, an Geburtstage zu kennen. Ich mache da keine Ausnahme, wie lang ich die Person kenne. Nein, ich war also nicht überrascht, im Gegenteil, ich wäre enttäuscht gewesen, hätte ich keine Glückwünsche von ihr bekommen.
3 Mails und zwei Tage späte war es beschlossene Sache: wir treffen uns. Also haben wir auch gleich Handynummern ausgetauscht. Das beschränkte sich zunächst aufs SMS schreiben und nach der Frage, wie ich sie ohne Wissen ihres Aussehens erkenn, sagte sie, sie hätte einen Jeansmantel an.
Das war der erste Moment, wo mich mein Bauchgefühl zum Rückzug ermahnte. Jeansmantel sind, zumindest meiner Meinung nach, aus der Mode und treffen meinen Geschmack überhaupt nicht. Egal, ist ja nur ein Bauchgefühl.

Samstag, Alberplatz in Dresden. Abends 21 Uhr. Ich war wie immer zu zeitig da, so konnte ich wenigstens noch eine rauchen. Ich blickte mich ständig um, um nach einem Jeansmantel Ausschau zu halten. Und da kam auch eine Frau im Jeansmantel. Direkt auf mich zu.

Der erste Gedanke war: Oh Gott, Grace Jones in jungen Jahren. Ich bekam Panik. Sabine sah aus, als wäre sie in der Jugend ihrer Mutter hängen geblieben und träumte von einer Zeit, die es gar nicht mehr gibt. Ich musste erstmal wegschauen, als sie auf mich zukam, um meinte entgleisten Gesichtszüge wieder einzurenken. Das gelang mir auch und so konnte ich sie mit einem freundlichen "Hallo" begrüßen.
   
Auf in eine Bar. Wir setzten uns, bestellten und begannen uns über Belangloses zu unterhalten. Small-Talk vom Feinsten. Zwischendrin mussten wir den Platz wechseln. Es war Karaoke-Night, brechend voll und unser Tisch war für vier gedacht, wir waren aber nur zu zweit. Wir bekamen einen Sekt dafür.

Das Gesinge der anderen lockerte die Stimmung etwas auf, gab es ja was zu lästern und lachen. Im Großen und Ganzen merkte ich schnell, dass diese Frau nichts für mich ist, es passte einfach nicht.
Als sie dann aber mit dem Thema George W. Bush anfing, war es mir echt zuwider. Ich meide politische Themen generell, aber beim ersten Treffen ist mir das erst recht zu viel. So beschloss ich als nächstes Ziel, schnellstmöglich die Bar zu verlassen, zum Auto zu gehen, allein einzusteigen und heim zu fahren.

Es war mittlerweile auch schon spät, wir beschlossen zu gehen. Ich hatte aber Hummeln im Hintern, wollte nicht mehr warten weil ich fürchterlich desinteressiert war. Bei der Frage von der Bedienung, ob das zusammen oder getrennt geht, war ich einen Moment zu ungeduldig, weil Sabine zögerte.
Ich bezahlte alles zusammen und zog meine Jacke an. Wir gingen zum Albertplatz, sie rechts lang, ich links zum Auto und fuhr nach Hause.

Was mir dann erst dämmerte, ist die ungeschriebene Regel, dass es ein Zeichen der Sympathie ist, wenn der Mann beim ersten Date die Rechnung bezahlt. Oh nein, das wollte ich nicht.

Am nächsten Tag war ich bei einer Grillparty, wo ich unter Freunden meine Geschichte preisgeben durfte. Eine SMS von Sabine kam prompt, die ich aber gekonnt ignorierte. Mit wurde selbst noch Unterstützung von einer Freundin angeboten, die ans Telefon gegangen wäre, hätte Sabine angerufen, und sich als meine Freundin ausgegeben.
Von Sabine habe ich nichts mehr gehört und bei den meisten Kontakten danach ließ ich mir immer Fotos schicken, weil ich Grace Jones nicht sonderlich mag.

2005

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